Forschung

Das aktuelle Forschungsprojekt:

Das Passionsoratorium bei Georg Philipp Telemann (Dissertation)
Roland Fitzlaff

  1. Bemerkungen zur Thematik

Die um 1700 entstehende Gattung Passionsoratorium zeichnet sich dadurch aus, dass eines der wichtigsten geistlichen Sujets, die Passion Christi, mit den literarischen und kompositorischen Mitteln der neu entwickelten Gattung Oper behandelt wird. Die biblische Erzählung wird dabei nicht in getreuer Form „berichtet“ (wörtliche Wiedergabe des Textes, durchmischt mit Arien und Chorälen), sondern paraphrasiert und opernhaft vertont. Daraus erschliesst sich die Möglichkeit zu neuer gestalterischer Freiheit. Die Darstellung der Passionsgeschichte in dichterischer Form war somit zunächst eine literarische Aufgabe.

Diese Dissertation hat zur Absicht, sich intensiver mit Telemanns Beiträgen zur neuen Gattung „Passionsoratorium“ auseinanderzusetzen. Textliche wie auch musikalische Analysen der Werke stehen dabei im Vordergrund. Da Telemann nicht nur Komponist, sondern – im Falle des „Seligen Erwägens“ – auch Librettist ist, werden insbesondere Fragen zur „Wort-Ton-Beziehung“ eine wichtige Rolle spielen.

Nach einigen Feststellungen zur Entstehung und Entwicklung des Begriffs „Passionsoratorium“ werden allgemeine Beobachtungen zu den Libretti zu machen sein, bevor im Hauptteil der Arbeit die Analyse der Werke erfolgt. Hierbei werden zunächst grossformale Aspekte untersucht (die Gliederung in Betrachtungen oder Szenen, der Tonartenplan, die Instrumentierung), danach sollen die gewonnenen Erkenntnisse anhand von Einzeldarstellungen ausgewählter Arien und Rezitative überprüft und vertieft werden.

  1. Die zur Diskussion stehenden Werke

Es handelt sich hierbei um die Passionsmusiken, die in unregelmässigen Abständen von Telemann komponiert und aufgeführt wurden. Auch sie stehen in engem Bezug zum Bibeltext, geben diesen jedoch nicht wortgetreu und schon gar nicht vollständig wieder, sondern greifen verschiedene Begebenheiten aus dem Passionsgeschehen heraus, die Anlass zu poetischer Überhöhung und „intensiver Betrachtung“ geben. Dieses individuelle „Nachempfinden“ beziehungsweise persönliche „Interpretieren“ der Passion Christi ist ein herausragendes Merkmal der neuen „aufklärerischen“ Textgestaltung. Die Textdichter und Telemann selber bedienen sich vielfältiger Formen, aus denen sie die Passionsoratorien zusammenfügen: frei gedichtete Arien, Chöre und Rezitative, die entweder den biblischen Personen oder den neu hinzutretenden allegorischen Figuren (im „Seligen Erwägen“ sind dies etwa die Andacht, der Glaube und Zion) anvertraut werden können. Hinzu treten wieder Strophen überlieferter geistliche Lieder, Neudichtungen auf bekannte Melodien, aber auch biblische Sprüche, die in den neugedichteten Text eingearbeitet werden können.

Telemann komponierte diese Passionsoratorien nicht in regelmässiger Reihenfolge, sondern als Einzelwerke von herausragender Bedeutung. Dennoch soll ebenfalls die Frage untersucht werden, ob sich eine Entwicklung im kompositorischen Schaffen Telemanns im Bereich der Gattung Passionsoratorium feststellen lässt. Ein Schaffen, das insgesamt 39 Jahre umfasst.

Die Passionsoratorien Georg Philipp Telemanns:

Der für die Sünde der Welt leidende und sterbende Jesus (TVWV 5:1)
Text von Barthold Heinrich Brockes / Erstaufführung: Hamburg 1716.

Seliges Erwägen (TVWV 5:2)
Text von Georg Philipp Telemann / Erstaufführung: Hamburg 1722

Die gekreuzigte Liebe oder Tränen über das Leiden und Sterben unseres Heilandes (TVWV 5:4)
Text von Johann Ulrich König / Erstaufführung: Hamburg 1731

Betrachtung der neunten Stunde am Todestage Jesu (TVWV 5:5)
Text von Joachim Johann Daniel Zimmermann / Erstaufführung: Hamburg 1755

Der Tod Jesu (TVWV 5:6)
Text von Karl Wilhelm Ramler / Erstaufführung: Hamburg 1755.

Roland Fitzlaff         

Roland Fitzlaff studierte an den Musikhochschulen Zürich und Luzern Kirchenmusik und Gesang sowie Chor- und Orchesterleitung. Zudem schloss er an der Universität Zürich Studien in Musikwissenschaft und Romanistik ab. Er ist als freischaffender Konzertsänger und als Dirigent verschiedenster Vokalformationen tätig. Als Musikwissenschaftler publiziert Roland Fitzlaff regelmässig zu musikalischen Themen, insbesondere im Umfeld der grossen Vokalwerke des 18. bis 19. Jahrhunderts, und verfasst momentan ein Buch über die Passionsoratorien G. Ph. Telemanns. Roland Fitzlaff erhält regelmässig Aufträge für Kompositionen und Arrangements im Bereich Vokalmusik.